Die Erste Fortsetzung der Älteren Hochmeisterchronik (Auszüge)
Abschnitte 229-235
© Mathias Nagel, Hamburg (2002)
- erstellt im Zusammenhang mit einem Hauptseminar an der Universität Hamburg im Sommersemester 2002 -
229. Nun hört, wie der Herr Hochmeister ein großes Werk der Barmherzigkeit an den Ungetreuen tat: Er gab sechs preußische Mark dafür, die Toten zu begraben, und es waren doch die, die ihn und den Orden aus dem Land treiben wollten! Als die Danziger heimkamen, vermißten sie von den Ihren wohl 1.100, und als nun die Kulmer, Thorner und alle Ober- und Niederländer, die mit ihrem Heer zu Wildenburg vor Marienburg lagen, das sahen, erschraken sie sehr, und gaben manchen großen Büchsenschuß auf die Stadt ab. Einmal wurde ein Stein, so groß wie ein Haupt, durch ein Dach in ein Haus geschossen, und der Stein fiel in eine Salztonne, in der Häcksel war. Dort blieb der Stein liegen. Ein anderer Stein aus derselben Büchse fiel durch ein Dach in einem Haus in ein Bett, in dem ein Paar Volkes mit seinem Kind drin lag, und es schadete ihnen nicht. Auch bei vielen anderen Schüssen, die die Feinde auf die Stadt abgaben (in die Häuser, auf das Rathaus, auf das Schloß, auf den Kirchhof) sorgte Gott dafür, daß sie an den Leuten keinen Schaden taten. Nur eine Kuh und ein Kalb wurden getroffen. Die Büchsensteine liefen zwar durch die Gassen entlang, schadeten jedoch niemand. Jeden Tag gab es viele Scharmützel, aber Gott gewährte stets seine milde Barmherzigkeit, so daß die Feinde immer unterlagen.
230. Am Montag vor Mitfasten1) wurden die Danziger geschlagen. Da befahlen der Hochmeister und seine Gebietiger, die zu der Zeit bei ihm waren, daß man an vielen Stellen an der Weichsel starke Wacht hielt, weil die Danziger vielerorts versuchten, den Werder zurückzugewinnen. Denn die Bauern im Werder waren heimliche Verräter der Herren, besonders im Städtchen Neuenteich, zumal es nicht mehr als eine kleine Meile von Marienburg im Werder liegt. Und an der Wacht verloren die Feinde so manchen schönen Mann. Die Herren und ihre Mannschaft nahmen den Danzigern auf der Weichsel viele Flöße ab: mit Wagenschoß,2) Klapperholz3) und Brennholz, mit Pech und Teer, das viel Gut wert war. Solche Flöße kamen aus Polen und Preußen, und das brachte den Danzigern großen Schaden. Das Gut führte man alles nach Marienburg. Zuletzt, an Peter und Pauls Tag im selben Jahr4), brachen die Danziger zu Wildenau beim Dorf Dirschau und in Scharfau mit der Streitmacht ihrer Söldner, die über See und aus Böhmen zu ihnen gekommen waren, wieder in den Werder ein. Darunter war ein Graf aus Thüringen, Herr Hans von Hoenstein genannt. Derselbe Graf wollte eigentlich zum Orden ziehen, aber er geriet den Feinden in die Hände und mußte schwören, ihnen zu helfen.
231. Danach lagerten sich die Feinde gegenüber Marienburg im Warnauer Wald und zogen um sich einen Graben und errichteten darin Häuser. Alle Bauern, die im großen Werder waren, wurden erneut den Feinden untertan und dem Orden gegenüber wieder meineidig. Danach, am Donnerstag5), stürmten die Feinde von Wildenberg, die auf der anderen Seite von Marienburg lagen, in den Roßgarten der Herren, der bei der Ziegelscheuer der Herren liegt, und gewannen den Herren etliche Grashäuser6) ab. Aber es wurden mehr als 40 der Feinde aus dem Schloß mit Steinbüchsen erschossen. Am Freitag danach kümmerten sich die Leute des Ordens um die Hände und Füße der Toten. Jeden Tag gab es bei der mittleren Mühle und beim Karpfenteich viel Scharmützel, wobei Gott stets dem Orden seine Gnade erwies, so daß die Feinde immer groß verloren.
232. Der falsche meineidige König von Polen hatte in dieser Sache dem Hochmeister und Orden noch nicht entsagt, vielmehr entsagte er mit seinen Landen erst mehr als 14 Tage nach Ostern7). Das Land zu Litauen wollte jedoch nicht zum Feind des Ordens werden, ebenso wie die Herzöge von Masowien, denn sie wollten den ewigen Frieden gegenüber dem Orden einhalten, den sie dem Hochmeister und Orden geschworen hatten. Daran mag man nun merken, wie schalkhaft und verräterisch der meineidige König mitsamt seinem ganzen Königreich der Polen gegenüber dem Orden verfahren ist, weil sie alle dem Hochmeister und Orden den ewigen Frieden geschworen und besiegelt hatten und trotzdem allesamt zu Meineidigen wurden außer den Herren aus Masowien und auch den Litauern, die zuletzt zu Christen geworden waren. In der Zeit, als die Angelegenheit zwischen den preußischen Landen und dem Hochmeister und Orden begann, da beschlief der falsche, meineidige König die Schwester von Ladislaus, der König zu Böhmen und Ungarn war, obwohl der falsche König von Polen des edlen Blutes niemals würdig geworden war. Der König von Polen kam nach Thorn, wo die Räte aus allen Städten waren, ebenso wie alle von der Mannschaft, die im Kulmer Land waren. Die falschen, ungetreuen Verräter schworen und huldigten ihm als ihrem rechten Herren. Da schlug der König viele der Verräter zu Rittern, Bürger und andere. Die Thorner hatten den obersten Marschall, den Komtur von Thorn, Kalp genannt, den von Strasburg, Rauenstein, und den Komtur von Tuchel, Jörg Kottenheim, sowie andere Brüder des Ordens in ihrer Hand. Zusammen waren es 13, und dieselben Herren hatten sich alle sicher von den Schlössern los verhandelt, um in die deutschen Lande gelassen zu werden. Die falschen Verräter hielten den Herren aber nichts ein, sondern übergaben sie in die Hand des Königs, der sie wieder nach Polen sandte. Der Komtur von Danzig ließ sich für 10.000 Mark schatzen8) und verfuhr übel gegenüber seinem Orden. Er hieß Nickoll Postor. Der König zog nach Graudenz und weiter nach Elbing und Königsberg und ließ sich dort von den ungetreuen Schalken huldigen und zog zurück nach Thorn. Dort blieb er und sandte sein Hofgesinde, etwa 2.000 Gerüstete, den falschen Verrätern vor Marienburg zur Hilfe. Er blieb so lange zu Thorn liegen, bis er den Streit vor Konitz verlor, wie man hiernach wohl hören wird. Ein Ländlein heißt Dobrzyn und liegt dicht am Land zu Preußen. Es ist nur durch ein kleines Gewässer von Preußen geschieden, das die Drewenz heißt, und gehört dem falschen König von Polen. Dieselben Meineidigen hatten noch nie dem Herrn Hochmeister oder dem Orden entsagt und halfen den Verrätern und den Bundherren von Anfang an, noch bevor der König entsagte. Der König versprach dem Marschall und den anderen Herren des Ordens, er wolle sie alle in die deutschen Lande ziehen lassen. Er hielt sich aber nicht daran und behielt die Herren alle gefangen und handelte so, wie es seine Art war.
233. Es geschah am Tag von Sankt Peters Kettenfeier im selben Jahr9), da ritten die Ordensleute, Herren und andere, die auf dem Schloß waren, und etliche Trabanten10) (zusammen waren es etwa hundert) vor das Schloß Marienburg zum Karpfenteich. Da kamen die Feinde aus dem Heer mit wohl 400 Reisigen11) und Trabanten, und keine Seite war gekennzeichnet. Sie rannten und liefen durcheinander, so daß kaum einer den anderen erkannte. Da gewährte Gott, der Herr, dem Orden seine göttliche Gnade, so daß sie etliche von den Feinden totschlugen und viele sehr verwundeten, und etliche fielen in den Mühlgraben und ertranken. 16 der Feinde wurden gefangen, unter denen sich ein polnischer Ritter befand, Herr Kott genannt. Er war mächtig und der Bruder des alten Erzbischofs von Gnesen. Er wurde sehr verwundet wie auch noch etliche andere Polen. Außerdem wurde dort ein polnischer Woiwode erschlagen. Am selben Tag führten die Feinde ihre Toten mit 9 Wagen ins Heer. Am nächsten Tag vermißten die Feinde mehr als 90 ihrer Freunde. Oh, große Gnade Gottes, die Herren des Ordens verloren an dem Tag nicht mehr als einen Trabanten, der erschlagen wurde! Danach starben etliche verwundete gefangene Polen, die man vor dem Schloß bei der Stadtmauer begraben ließ, obwohl sie und alle, die den Bundherren Beistand gewährten, im Bann des Papstes waren. Danach starb Peter Kott, den der Herr Hochmeister den Feinden ins Heer sandte, und die Polen sandten ihn nach Gnesen in Polen. Am Donnerstag, vor Sankt Lorenz Tag,12) verhandelten sich die Herren und Knechte los, die auf Schloß Stuhm gewesen waren, und der Marschall des Königs von Polen geleitete sie nach Marienburg. Sonst hätten die Bundherren sie alle erschlagen. Sie hatten auf dem Schloß weder Korn und Mehl, noch zu Trinken, außer Wasser, und kein Fleisch und hatten vorher viel Pferdefleisch gegessen. Unter denselben war ein Herr des Ordens, der hieß Herr Rosenberg aus Schwaben und war Pfleger zu Roggenhusen gewesen. Und als er mit seinen Pferden und seinem Gerät nach Stuhm kam, da segnete er die anderen Herren und Gesellen und sprach: „Ich fahre dahin. Wer mit mir will, der komme!“ und zog in das Heer der Polen, und die Polen sandten ihn weiter zum König nach Thorn. Er legte das Kreuz ab und schwor dem König und wurde sein Diener. Doch schadete das seiner Würde, denn der König traute ihm und allen den Seinen nicht. Als schließlich ein schlesischer Herzog beim König war, zog er mit ihm zusammen in die deutschen Lande.
234. Am Sankt Lorentz Tag13), während der Messe, zogen die Herren und Söldner aus dem Haus Marienburg und auch aus der Stadt (mit den Trabanten zusammen waren es etwa 2.000 Mann) zu den Feinden in den Warnauer Wald. Aber die Feinde hatten sich eingegraben und starke Bollwerke errichtet, so daß man nirgends zu ihnen hineinkommen konnte. Die Feinde schossen mit großen und kleinen Büchsen und Armbrüsten viele harte Schüsse auf die Herren und die Ihren ab und verwundeten zu der Zeit keinen einzigen Mann sondern nur 2 Pferde. Von den Feinden blieben drei tot, und die Herren holten sich von Lesken, das die Feinde innehatten, Schafe, Kühe und Schweine. Am Abend der Würzweihe unserer Frau14) zogen die Herren mit den Ihren frühmorgens vom Haus über die Nogat zur Fütterung. Da rannten die Feinde aus dem Warnauer Wald in den Roßgarten und versammelten sich dort mit ihrer Streitmacht und gingen auf die Fütternden los und fingen etliche arme Männer, Frauen und Jungfrauen. Einer Frau schlugen sie eine Hand ab und verwundeten sie sehr. Eine andere wurde mit einem Spieß durchstochen, und der dritten schlugen sie einen Arm ab. Doch gewannen sie nicht viel, denn von ihnen wurden 6 Bewaffnete in leicht gepanzerter Rüstung erschlagen und drei gefangen. Am Sankt Bartholomäus Abend15) hatten die Feinde zu Wildenberg 7 Schiffe gebaut, die man Weichsel-Prahme16) nennt, und hatten sie hoch aufgerichtet mit Holz beladen und mit Pech und Wagenschmiere gefüllt. Eines davon zündeten sie an einem Werder in der Nogat an und ließen es stromabwärts treiben, womit sie die Brücke zu verbrennen beabsichtigten. Doch half Gott, daß die Fischer mit kleinen Schelgen17) dorthin fuhren und das brennende Schiff beim Sperlingsturm an Land brachten, wo es, ohne Schaden anzurichten, verbrannte. In derselben Nacht entzündeten sie in der achten Stunde das andere Schiff und hatten hinten in der Quere ein langes Zimmerholz daran gebunden, damit das Schiff zwischen den Pfeilern an der Brücke hängen blieb, und das geschah auch. Also begann die Brücke an den Türmen gegenüber dem Schloß zu brennen. Aber der hintere Balken, der in der Quere hing, wurde bald abgeschlagen, so daß das Schiff an der Brücke nicht ganz verbrannte. Danach kam das dritte Schiff und legte sich quer an dieselbe Stelle. Das Feuer brachte Frauen, Jungfrauen und Männer, die auf der Brücke mit Wasser und mit Sand löschten, sehr in Not. Dann kam das vierte Schiff und legte sich an das andere Schiff und verbrannte daselbst am Grund der Brücke gegenüber dem Schloß drei Pfeiler. Und die anderen Feinde, die im Warnauer Wald lagen, machten sich am Damm gegenüber dem Schloß und der Stadt mit aller Macht auf und trieben mit dem Schießen aus großen und kleinen Steinbüchsen auf die Brücke großen Hochmut und auch [mit dem Schießen] auf diejenigen, die den brennenden Schiffen durch die Brücke halfen. Einem Fischer schossen sie sein Haupt ab, und zwei Jungfrauen wurde jeweils mit einem Pfeil durch den Arm geschossen.
235. Ein junger Herr schoß den Feinden einen Büchsenstein in einen Schelch18). Dieselben führten die brennenden Schiffe, und man sollte ihnen 300 preußische Mark geben. Es waren 20 in dem Schelch. Der Schelch ging unter, und alle ertranken. Danach kam das fünfte Schiff mit einem gar schrecklichen, grausamen Feuer. Gott gewährte die Gnade, daß es schnell unter der Brücke hindurch lief, ohne Schaden anzurichten. Danach schenkte Gott, der allmächtige, dem Orden abermals große Gnade, so daß das 6. Schiff (es war das größte und am höchsten mit Holz beladen, damit es nicht unter der Brücke hindurch laufen konnte) vom Feuer entflammt an die Brücke kam und dort stehen blieb. Da lief man zur Brücke und hob von oben das Holz ab und half dem Schiff unter der Brücke hinweg. Danach kam das ebenfalls große und mächtige siebte Schiff, welches vorne entzündet war und noch nicht recht brannte. Und es trieb sehr gefährlich gegen das äußerste Joch bei den Türmen an der Nogat. Darauf waren 70 Herren und andere gute Leute. Da begannen Jungfrauen, Frauen, Herren und Knechte zu Gott im Himmel um Hilfe zu schreien. Das Schiff trieb befreit weiter dahin und beschädigte die Brücke nicht. Danach aber richteten sie zwei Weichsel-Schelche mit Pech, Teer und Holz her und schmiedeten die beiden Schelche zusammen. Dessen wurde der Hochmeister gewahr und ließ über die Nogat Pfähle in den Boden stoßen und dadurch große Ketten ziehen sowie Zimmerholz mit quer verspannten Seilen vor den Pfählen anbringen. Die Feinde entzündeten die Schiffe (es gab ein gar grausames Feuer) und ließen sie treiben. Da trieben sie an die Pfähle und blieben stehen. Das Volk fuhr mit kleinen Schelchen hinzu, und sie warfen Seile darum und zogen sie beim Damm ans Land zurück. Und am Dienstag vor Nativitatis Mariae19) zogen die Herren vom Schloß und aus der Stadt zur Fütterung über die Nogat, aber ihre Wacht war zu schwach. Da bedrängten die Feinde die Herren mit Trabanten und Reisigen und trieben sie zurück bis in den Kaltenhof. Dabei wurden beiderseits viele Leute verwundet. Zwei Freunde und 9 von den Feinden blieben tot. Am Mittwoch danach20) zogen die Herren abermals zur Fütterung auf die andere Seite, wo die Kulmer und Polen lagen. Da waren bei der mittleren Mühle wohl 400 Trabanten der Feinde, und aus der Stadt kamen auch wohl hundert Trabanten. Als die in der Mühle derjenigen, die aus der Stadt kamen, gewahr wurden, da liefen sie aus der Mühle und schlugen sich miteinander. Also half Gott, daß die hundert die 400 bis in ihr Heer zurückschlugen, und sie zur Mühle zurückwichen. Da stürmten die Feinde gewaltsam aus dem Heer hervor und beabsichtigten, sie mit den Pferden niederzutreten. Gott half aber den Herren, so daß sie den Ihren mannhaft widerstanden und den Feinden mehr als 40 Pferde verwundeten. Von den Leuten der Herren jedoch wurde nur einem einzigen durchs Bein geschossen.
Inhaltliche Anmerkungen:
1) 1454 April 1.
2) = astreines, zu Blöcken von bestimmter
Länge und Dicke gespaltenes Eichenholz.
3) = eichene Planken bestimmter Länge
und Größe; Abfall des Wagenschosses.
4) 1454 Juni 29.
5) Wenn der Donnerstag nach Peter und Paul
gemeint ist, handelt es sich um 1454 Juli 4.
6) = Scheunen?.
7) 1454 Mai 5.
8) = gegen Lösegeld freikaufen.
9) 1454 August 1.
10) = Fußsoldaten.
11) = berittene Söldner.
12) 1454 August 8.
13) 1454 August 10.
14) 1454 August 14.
15) 1454 August 23.
16) = flaches Fahrzeug ohne Kiel für
den Transport von Lasten auf Flüssen .
17) „schelgleyn“ = kleine Fischerboote?.
18) = Schiffstyp?.
19) 1454 September 3.
20) 1454 September 4.
Vorlage: Scriptores Prussicarum. Die Geschichtsquellen der preußischen Vorzeit bis zum Untergange der Ordensherrschaft, herausgegeben von T. Hirsch, M. Toeppen, E. Strehlke, 5 Bde., Leipzig 1861-1874, Bd.3.
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